Schon im Vorjahr wurde darauf hingewiesen, daß mit einer zweiten Konzentrationswelle unter Europas Stromversorgern zu rechnen sei. Mittlerweile haben die Übernahmen und Fusionen voll eingesetzt und Größenordnungen erreicht, die noch vor wenigen Jahren schwer vorstellbar gewesen wären. Wann diese Marktbewegungen zum Stillstand kommen und was letztlich ihre Folgen sein werden, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht abgeschätzt werden.
Megafusionen im Spannungsfeld zwischen nationalen und europäischen Interessen
Vor allem das erbitterte Ringen um die Endesa-Übernahme durch e.on und die überaus negative Reaktion der spanischen Regierung haben jedenfalls gezeigt, daß nationale Interessen keineswegs der Vergangenheit angehören, wenn es um die strategischen Güter Wasser und Energie geht. Auch die angestrebte Fusion der französischen Versorgungsunternehmen Suez und Gaz de France als Reaktion auf ein italienisches Übernahmeangebot hat gezeigt, daß solche groß angelegten Fusionen mit schwer kalkulierbaren Risken verbunden sind und daß nationale Interessen europäische Interessen durchaus dominieren. Derzeit ist unklar, wohin die Reise geht: zum Wunschziel der Kommission, dem großen offenen pan-europäischen Markt mit viel Wettbewerb und geringerem Einfluß der großen Versorgungsunternehmen, oder zum Wunschziel der Versorger nach oligopolistischer Dominanz in den Märkten. Verschärft wird diese Gefahr noch durch die Aktivitäten von Unternehmen wie der russischen Gazprom, deren Interessen am europäischen Markt weit über die Maximierung von Gewinnen hinausgehen könnten und deren Unternehmenspolitik einen schwer einschätzbaren Faktor darstellt. Die EU rechnet damit, daß der Anteil der Bedarfsdeckung in der Union durch russische Gasimporte in den nächsten 25 Jahren von derzeit 50 % auf 80 % ansteigen wird – eine Perspektive, die das Fehlen einer einheitlichen europäischen Energiepolitik um so schmerzlicher spürbar macht.
Steigende, aber volatile Grosshandelspreise
Das Geschäftsjahr 2006 war insgesamt von weiter steigenden Großhandelspreisen vor allem am Forward-Markt gekennzeichnet. Die Preisentwicklung auf den Spotmärkten war im Durchschnitt ebenfalls steigend, allerdings durch hohe Volatilitäten gekennzeichnet.
Der Großhandelspreis für einen Jahresforward stieg für Grundlastenergie um durchschnittlich23 %, für die wertvollere Spitzenenergie um 15 %. Der unterjährig volatilere Spotmarktpreis stieg durchschnittlich um 10 % für Grundlastenergie und um 16 % für Spitzenlastenergie, wobei es im Quartal 2/2006 durch den Verfall der Preise für CO2-Zertifikate und im Quartal 4/2006 durch gesunkene Ölpreise zu Ausschlägen nach unten kam.
November-Blackout zündet Diskussion um Versorgungssicherheit
Im November kam es in weiten Teilen Europas zu einem Stromausfall, von dem auch Österreich teilweise betroffen war. Dieses Ereignis löste eine breite Diskussion über die Versorgungssicherheit von Strom in Europa und die erforderlichen Kapazitäten und Investitionen aus. Es wurde vielfach darauf verwiesen, daß die Reservekapazitäten im Frühjahr 2006 auf nur noch 4,6 % gefallen waren und daß das europäische Netz für Ausfälle überaus anfällig geworden ist. Verschärft wurde diese Situation auch durch Verhaltensänderungen der Konsumenten: zu der traditionellen Verbrauchsspitze in den Wintermonaten hat sich eine Sommerspitze gesellt, bedingt durch den zunehmenden Einsatz von Klimageräten. Vielfach wurde vor allem die geringe Reserve als Signal interpretiert, die Investitionen sowohl im Kraftwerksbau als auch zum Ausbau der Netze hochzufahren. Derzeit liegt die Investitionsquote – gemessen am Umsatz – in Europa bei rund 10 %, was zwar einen deutlichen Anstieg gegenüber den letzten Jahren bedeutet, aber noch immer unter dem langjährigen Durchschnitt von 12 % ist. Für die Jahre bis 2009 werden europaweit jährliche Investitionen von 30 Mrd. € für den Kraftwerksausbau und 20 Mrd. € für den Netzausbau erwartet.
Auch in Österreich hat das November-Blackout zu Kritik an den Versorgern geführt, obwohl gerade hier und vor allem im Bereich unseres Unternehmens seit Jahren große Anstrengungen in Richtung Versorgungssicherheit unternommen werden. Stellvertretend für die große Zahl laufender Investitionsvorhaben des Verbund sei nur auf die Schließung des 380-kV-Ringes und die technisch überaus anspruchsvolle Errichtung der Kraftwerkstufe Limberg II in der Kraftwerksgruppe Glockner Kaprun verwiesen.
Verbund verbessert Marktposition
Ungeachtet der wachsenden Unsicherheiten des Marktes konnte der Verbund seine Position sowohl innerhalb Österreichs als auch international festigen und weiter ausbauen. Der Verbund ist historisch sehr erzeugungslastig und hat daher schon früh begonnen, als Großhändler Strom zu verkaufen, womit ein relativ hohes Risiko in sehr volatilen Märkten in Kauf genommen wurde. Zur Absicherung wurde verstärkt begonnen, einen Teil der Erzeugung in weniger volatilen und nachfrageabhängigen Kundensegmenten zu plazieren: dieser Einstieg ins Endkundengeschäft verlief bisher mit rd. 60.000 Neukunden über Erwarten erfolgreich. Getragen wurde dieser Aufwärtstrend im Heimatmarkt auch durch die günstige gesamtwirtschaftliche Entwicklung des Landes, die zu Jahresende noch durch das Anspringen der gesamteuropäischen Konjunktur verstärkt wurde.
Die starke Position am Heimmarkt und die überaus günstige Entwicklung des Unternehmens bilden die Basis für die Expansion in ausgewählte Auslandsmärkte, wo der Verbund von seiner Erfahrung als Erzeuger und Großhändler profitiert und in zunehmendem Maße als Partner im Aufbau von Energieversorgern gefragt ist. Dies trifft nicht nur auf Märkte wie Italien und Frankreich zu, wo der Verbund mit seinen Joint-ventures Sorgenia und POWEO schon bestens etabliert ist, sondern vor allem auch auf die Zukunftsmärkte in Südosteuropa, insbesondere in der Türkei, in Griechenland und Rumänien, wo mit großem Erfolg am Aufbau neuer Unternehmen gearbeitet wird.

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